Kurzgeschichten aus der Parabelecke: „Das Wesen“

Eine schattenhafte Gestalt trat aus dem dunklen Hauseingang auf die schlecht beleuchtete Straße. Es war mitten in der Nacht, zwischen tief hängenden Wolken war der Vollmond zu sehen und es war kalt, sehr kalt. Die Gestalt blieb kurze Zeit vor dem Hauseingang stehen, blickte hoch und starrte in das fahle, flackernde Licht einer in der Nähe stehenden Gaslaterne.

Der Mann schaute in das Licht und für einen Augenblick glaubte er in den Flammen jene furchterregende Gestalt zu erkennen, die ihn, wie es schien, seit so langer Zeit jagte. Er spürte einen Brechreiz in sich aufsteigen, als er sich an die Begegnung zurückerinnerte und konnte ihn nur mit Mühe unterdrücken. Er versuchte krampfhaft, seine immer stärker werdende Angst zu verdrängen, doch es gelang ihm nicht ganz. Ohne es zu wollen, begann er zu zittern. Es war kalt, aber ihm war bewusst, dass diese Kälte nicht von der Jahreszeit abhängig war, sondern von ihm selbst ausging. Diese Kälte kam aus seinem Inneren, genauer gesagt, aus dem Teil seiner Seele, der erstarrt war, seit jenem markerschütternden Ereignis.

Er wusste nicht, ob Stunden, Tage oder gar Jahre verstrichen waren, seit er mit jenem Wesen in Berührung gekommen war. Aber Zeit spielte schon lange keine Rolle mehr. Nichts spielte noch eine Rolle. Es gab nur noch ihn und das Wesen.

Dieses Wesen, dieses Ding, war es überhaupt nur ein Individuum? Es besaß so unglaubliche Macht, dass er sich dessen nicht mehr sicher war.

Er lächelte unwillkürlich. Nein, dachte er, so große Macht hatte es wohl doch nicht, denn er war ihm entkommen, hatte es überlistet, hatte ihm glauben gemacht, er sei jemand, der es vernichten könnte.

Doch es hatte seinen Irrtum schnell erkannt und versucht, ihn zu beseitigen. Das Zögern des Wesens hatte ihm jedoch ein wenig Zeit verschafft und so er konnte entkommen. Aber was nutzte es ihm? Er kannte keinen Ort, an dem ihn das Wesen wahrscheinlich nicht erreichen konnte.

Aber suchte es noch nach ihm? Er wusste es nicht, jedoch wollte, durfte er kein Risiko eingehen. Er musste weg von hier. Immer in Bewegung bleiben. Niemandem vertrauen, denn praktisch jeder konnte ein Handlanger des Wesens sein.

Zögernd, doch mit wachsender Entschlossenheit, setzte er sich in Bewegung. Er musste hier weg. Er wollte es diesem verfluchten Ding, oder was immer es auch sein mochte, nicht allzu leicht machen ihn aufzuspüren.

Wut breitete sich in ihm aus. Dieses Geschöpf des Bösen hatte ihn durch dessen bloße Anwesenheit dazu verdammt, ewig vor ihm auf der Flucht zu sein.

Mit einem Mal bemerkte er, dass er rannte. Keuchend blieb er stehen und hielt sich an einem Laternenmast fest.

Plötzlich – da war etwas. Ein Geräusch. Es war ein tiefer, dröhnender und zugleich schriller Laut, der für jeden anderen Menschen nur ein Geräusch unter vielen war. Zwar war das ein unangenehmer und ungewöhnlicher Laut, aber was war heutzutage in einer solchen Stadt schon gewöhnlich und angenehm. Doch für ihn war das nicht nur unpassende Akustik, über die man sich kurz aufregt und dann wieder vergisst, weil man besseres zu tun hat. Nein, für ihn war das die Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtungen.

Es war in der Nähe.

Angsterfüllt schaute er sich um. Nichts. War es nur eine Sinnestäuschung gewesen? Schließlich waren seine Nerven in letzter Zeit ein paar Mal zu oft strapaziert worden.

Aber nein, dieses Geräusch war nicht zu verwechseln. Mit einem Mal fühlte er, wie ein kalter Schauer über seinen Rücken lief. Er konnte das Wesen förmlich spüren. Es war hier. Irgendwo.

Aber wie hatte es ihn finden können? Panik stieg in ihm auf. Er wusste, dass er praktisch keine Chance hatte. Seine Täuschung, die ihm beim letzten Mal das Leben gerettet hatte, würde nicht noch einmal gelingen.

Er begann wieder zu rennen. Blindlings bog er um die nächste Ecke und rannte in eine enge Gasse hinein. Das Licht der Straßenlaternen reichte nur wenige Meter hinein und schon nach kurzer Zeit konnte er voraus nur noch sehr wenig erkennen. Die Dunkelheit, die ihn hier umfing, war mehr als die bloße Abwesenheit von Licht. Beunruhigt blieb er stehen.

Es war, als umhüllte ihn ein pechschwarzer Umhang, der von unheimlichem Leben erfüllt zu sein schien. Er ging langsam vorwärts. Sich an der Hauswand entlang tastend und von einer eigenartigen Neugier getrieben, drang er tiefer in die Dunkelheit ein. Er konnte jetzt nichts mehr erkennen. Wäre da nicht die Hauswand, die er ebenfalls nur fühlen und nicht sehen konnte, hätte er geglaubt, dass er sich nicht mehr an irgendeinem Ort in dieser Stadt, ja nicht einmal mehr auf dieser Erde befand, sondern an einem Ort, an den Menschen niemals gelangen sollten.

Unerwartet traf ihn eine Wolke aus unerträglichem Gestank. Die Wand fühlte sich auf einmal ekelerregend schleimig an. Er konnte sich des Gefühls nicht mehr erwehren, dass er in den Rachen eines gewaltigen Untiers schritt.

Er blickte zurück. Die Straße! Sie war verschwunden! Alles war verschwunden! Was war passiert? War er plötzlich erblindet? War er um eine Ecke gebogen, ohne es zu merken? Schlagartig wurde er sich der Tatsache bewusst, dass es das Wesen war, dass all dies geschehen ließ. Und er begann wieder zu rennen, durch das Dunkel, blind nach vorne stürmend. Nur weg von hier! Das war sein einziger Gedanke, das Einzige, woran er sich klammerte. Er lief so schnell wie nie zuvor.

Nach einigen Augenblicken des Stürmens war es ihm, als würde er würde von etwas festgehalten, etwas Netzartigem, das sich ihm in den Weg stellte, ihn verlangsamte. Es vermochte ihn jedoch nicht aufzuhalten. Was immer es war, es ließ ihn los. Er stolperte überrascht einige Meter vorwärts, hielt sich aber noch auf den Beinen. Torkelnd und schwer atmend kam er ans Ende der Gasse. Das nun über die Maßen beruhigende und heimliche Licht der Laternen strömte ihm entgegen.

Erleichtert atmete er auf. Die Straße war zwar menschenleer, aber es war ein Teil der Welt, die er kannte. Sein Herz raste. Kalter Schweiß durchnässte seine Kleidung.

Keuchend lehnte er sich an die Hauswand und atmete eine Weile tief durch.

Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, stieß er sich von der Wand ab und stolzierte die für ihn farbenfrohe Straße hinunter. Seine Knie zitterten immer noch von gerade Erlebtem. Doch er war ihm entkommen!

Der Geruch seines kalten Schweißes stieg ihm in die Nase. Welch angenehmer Duft!

Aus der Ferne waren Pferdehufe zu vernehmen. Welch harmonischer Klang! Der Mond strahlte in herrlichem Glanz.

Mit einem Mal erschien ihm diese Welt, seine Welt, die er früher kaum beachtet hatte, als etwas unbeschreiblich Schönes und Wundervolles, etwas, das man einfach lieben musste.

Friedlich bis ins Innerste, schlenderte er weiter. Die Gefahr war nun vorüber. Es schien, als könnte ihm nichts und niemand etwas antun. Er war jetzt völlig sicher.

Er setzte sich auf eine Bank, welche in der Nähe stand und labte sich am wohligen, wenn auch nicht besonders intensiven Licht der Laternen.

Ruckartig veränderten diese ihre Farbe. Er erstarrte. Alle Lichter in der Straße waren nun von einem unheimlichen, schleimigen Grün erfüllt. Sogar der Mond und die Sterne strahlten in dieser schrecklichen Farbe. Sein Herz begann wieder zu klopfen. Seine Hände fingen an zu zittern. Das dumpfe Geräusch eines galoppierenden Pferdes verwandelte sich in das schlurfende Geräusch einer riesigen, kriechenden Schnecke. Und es kam näher. Das Wesen.

Nein, sagte er zu sich selbst, während er aufsprang. Das Wesen war es nicht. Eines seiner Handlanger, die mit ihm gekommen waren, um den Menschen, der er war, zu vernichten.

Das Geräusch wurde stärker und je stärker das Geräusch wurde, desto heller, intensiver und unerträglicher wurden die Lichter um ihn herum. Er konnte sich plötzlich nicht mehr bewegen, ja er konnte nicht einmal die Augen schließen, nicht, dass er es nicht versucht hätte. Gelähmt und voller Schrecken musste er dieses schreckliche Schauspiel, das sich ihm nun bot, ansehen.

Es war ein Alptraum. Dieses Ungeheuer hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit jenem Wesen, vor dem er auf der Flucht war. Dennoch machte er sich nichts vor: Das Ungeheuer war wegen ihm hier. Es stand seinem Meister in nichts nach, was Hässlichkeit betraf. Dieses Geschöpf der Dunkelheit war hässlich und vor allem furchteinflößend.

Es sah aus wie eine riesige, bereits verwesende Spinne mit sieben schrecklich deformierten Gliedmaßen. Vier davon berührten den Boden, damit bewegte es sich vorwärts. Die anderen drei Gliedmaßen waren auf dem Rücken und wanden sich wie Würmer am Haken. Der gesamte Torso war umhüllt von einer Schicht aus glibberigem Schleim. Manchmal löste sich ein Tropfen Schleim aus der Masse und fiel zu Boden. Die Stelle, an der der Schleim die Erde berührte, fing an zu schwelen. Dünne Rauchfaden stiegen auf und umhüllten den schrecklichen Rest des Monsters mit einem sonderbaren, milchigen Nebel.

Es kam näher, langsam zwar, aber mit der unerschütterlichen Sicherheit eines Jägers, der seine Beute in der Falle wusste.

Zwanzig lächerliche Meter trennten ihn noch von dem Ungeheuer. Er konnte bereits den widerlichen Gestank des Ungetüms wahrnehmen.

Es verschlug ihm fast den Atem. Es war, als verströmte das Monster den Geruch des ultimativen Bösen. Er hatte niemals zuvor etwas derartiges wahrgenommen, und doch wusste er, was es war. Es war nicht der Tod. Nein, das was dort vor ihm war, war schlimmer als der Tod. Der Tod hatte wenigstens eine gewisse Gerechtigkeit. Der Tod erreichte alle, ob alt, jung, reich, arm, gut, böse, schön oder hässlich. Der Tod machte keinen Unterschied. Aber das hier war nicht der Tod. Es war…er wollte den Gedanken nicht zu Ende denken, weil es ihn sonst wahnsinnig machen würde, dessen war er sicher.

Doch der unheimliche Gestank bewirkte noch etwas anderes. Er gab ihm Kraft. Eine Woge der Entschlossenheit durchspülte seinen Geist. Er würde kämpfen, er würde nicht hilflos untergehen.

Er griff nach seiner Waffe, die im Gürtel steckte. Der kalte, vertraute Perlmuttgriff des Revolvers in seiner Hand gab ihm kurzzeitig ein trügerisches Gefühl der Sicherheit.

Sein Blick fiel wieder auf das Monster vor ihm, dass schon fast heran war, um ihn in die Verdammnis zu schicken. Gleichzeitig verschwand die Illusion des Schutzes wieder, um etwas anderem platz zu machen, dem Grauen.

Er zielte auf das, was er für die Augen des Ungeheuers hielt. Er versuchte abzudrücken, doch irgend etwas hielt ihn zurück. Er schloss die Augen. Er fühlte die schreckliche Aura des Ungeheuers mit solcher Intensität, dass er es selbst mit geschlossenen Augen fast sehen konnte. Er spannte den Hahn und drückte ab.

Ein Aufschrei folgte, wie er ihn niemals zuvor gehört hatte. Immer noch unfähig die Augen zu öffnen, schoss er weiter auf das Monster.

Nachdem er zum zwölften Mal den Abzug betätigt hatte, bemerkte er, dass sein sechsschüssiger Revolver bereits leer war. Langsam senkte er seinen Arm wieder. Er nahm all seinen Mut auf und öffnete die Augen.

Das Monster lag vor ihm und rührte sich nicht. War das ein Trick? Er war sich dessen sicher, jedoch als er aufschaute, hatten sich die eben noch unerträglich grellen, grünen Lichter der Laternen und Sterne und auch der Mond hatte wieder seine ursprüngliche Farbe angenommen.

Es war vorbei, wenn auch nur dieses Mal. Er machte sich keine Illusionen. Vielleicht würde es niemals wirklich vorbei sein. Er hatte schon einmal den Fehler begangen, das Wesen zu unterschätzen. Doch wie es aussah, hatte dies bis jetzt auch auf Gegenseitigkeit beruht. Er fühlte sich ruhig, beherrscht, siegessicher. Er schloss die Augen, holte tief Luft und atmete langsam wieder aus.

Doch als er die Augen wieder öffnete und auf das tote Ungetüm vor sah, stellte er mit jähem Schrecken fest, dass dort keines mehr lag. Das Einzige, was er an der Stelle sah, an der das Monster liegen musste, war eine Pferdekutsche. Ein totes Pferd hing im Geschirr des Wagens. Der Kutscher, der sonst oben auf seiner Sitzbank sitzen sollte, lag jetzt bewegungslos mit dem Gesicht im Dreck da. Die Tür der Passagierkabine schwang mit einem leisen Knarren ganz langsam auf. Blitzartig richtete er seinen leeren Revolver auf diese Tür. Doch nichts weiter passierte. Vorsichtig schaute er hinein und erblickte einen toten Mann. Mitte Vierzig, dunkles leicht angegrautes Haar, ziemlich breites Gesicht.

Plötzlich, als er in das Gesicht des Mannes sah, dass entstellt war von zwei hässlichen Einschusslöchern, erkannte er, was er getan hatte. Er hatte zwei Menschen ermordet. Er hatte sich von dem Wesen täuschen lassen. Ungläubig starrte er auf dieses Szenario des Grauens. Rückwärts stolpernd begann er sich von der Kutsche zu entfernen.

Er stutzte. Wie konnte er diese drei Lebewesen getroffen haben, wenn er doch die Augen geschlossen hatte?

Auf einmal vernahm er ein leises Kichern. Ein hinterhältiges, böses, schadenfrohes Kichern, das von nirgendwo zu kommen schien. Er war reingelegt worden. Das Wesen hatte ihn an der Nase herumgeführt. Sein Blick glitt an sich herunter. In seiner rechten Hand hielt er immer noch die Waffe mit der er die beiden Menschen getötet hatte. Er ließ ihn fallen, wollte losrennen. Doch es ging nicht. Er schaute noch einmal zu dem Schauplatz des Schreckens hinüber.

Kein Zweifel, das Wesen hatte ihn benutzt, seinen Arm geführt. Aber niemand würde ihm das glauben. Sie würden ihn für verrückt halten oder sie würden denken, dass er versucht hätte die Pferdekutsche auszurauben. Er musste weg von hier. Aber er brauchte etwas zu seinem Schutz. Er griff hinunter und hob den am Boden liegenden Revolver auf. Er lief los und verstaute die Waffe wieder in seiner Jacke. Er bog um die nächste Ecke und lief in eine enge Gasse. Dort angekommen, presste er sich an die nächste Hauswand, holte den Revolver hervor und lud ihn wieder. Er dachte an das Wesen, was es ihm angetan hatte und was es vielleicht der Menschheit antun würde. Das würde er nicht zulassen. Er musste es aufhalten.

Der Kampf begann. Die Waffe wieder zurücksteckend, sprintete er weiter in die Gasse hinein und verschwand in der Dunkelheit.

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