Kurzgeschichten aus der Parabelecke: „Herrschaft“

Nun geh“, sprach die Stimme.

Tue, was dir gesagt wurde und du wirst ein glückliches und erfülltes Leben führen.“

Der Mann zu dem gesprochen blickte sich unsicher um, nach dem Ursprung der Stimme. Er wusste natürlich, dass die Stimme computergeneriert war, der Sprecher eine Maschine, jedoch war er immer wieder fasziniert davon und gleichzeitig flammte Misstrauen in ihm auf. War alles, was die Maschine sagte, die Wahrheit? Konnte sie sich niemals irren? Konnte sie lügen?

Sicher die Maschine war von seinen Vorfahren so konstruiert worden, dass sie nicht lügen konnte. Aber es störte ihn einfach, dass alles was die Maschine, dieses tote Ding, sagte, einfach so hingenommen wurde, ohne es wenigstens ein wenig zu hinterfragen.

Er hatte schon oft erlebt, dass die Maschine Unglaubliches prophezeit hatte, jedoch hatte sie immer recht behalten.

Trotzdem… sein Unbehagen wollte sich nicht legen.

Geh“, drängte die Stimme sanft in seine Gedanken hinein. Doch er wollte noch nicht gehen.

Eine letzte Frage noch.“

Ja?“, erwiderte die Stimme.

Gibt es einen Ort, gibt es Menschen, die nicht an eine maschinengesteuerte Welt gebunden sind?“

Gebunden?“, wiederholte die Stimme. Dann schwieg sie einen Augenblick lang.

Ich bemerke, du bist ein Skeptiker. Nun, es gibt einen solchen Ort. Ich werde ihn dir zeigen.“

Eine Tür öffnete sich am anderen Ende des Raumes.

Das Misstrauen wurde von der Neugier besiegt, so durchschritt er die Tür. Sie führte zu einem langen Gang, der wiederum zu einem großen Raum führte. Eine Decke gab es nicht, er sah hinauf, erblickte die Sterne. In der Mitte des Raumes befand sich, beleuchtet von mehreren Scheinwerfern, ein kleines Raumschiff. Die Stimme wies ihn an einzusteigen.

Unsicher blieb er stehen.

Wohin willst du mich bringen“, fragte er.

Zu dem Ort deiner Wahl.“, wurde ihm geantwortet.

Er musste es wissen, es gab kein zurück mehr. Er betrat das kleine Schiff.

Kaum hatte er sich festgeschnallt, startete das Raumschiff.

Sie waren einige Tage unterwegs. Er befragte die Stimme, die ihn scheinbar irgendwie begleitete, was das für ein Ort wäre, zu dem sie fliegen würden, doch die Stimme wich ihm jedes Mal aus, sagte ihm er werde zu den Antworten gebracht, nach denen er suchte.

Schließlich erreichten sie einen öden Felsbrocken, er musste eine Atemmaske anlegen, denn die Stimme hatte ihm gesagt, die Luft draußen sei giftig, nicht atembar.

Er stieg aus, Enttäuschung stellte sich ein, denn alles was er zu sehen bekam, waren Ruinen und Müll. Er wanderte eine Weile, entdeckte schließlich eine große Steintafel.

Worte waren darin eingemeißelt.

Was ist das für ein Ort?“

Lies!“, befahl die Stimme.

Und er begann zu lesen:

Vor Jahrhunderten waren wir eine blühende Gesellschaft mit Hoffnungen, Träumen und natürlich auch Problemen. Um uns unsere Hoffnungen und Träume zu erfüllen und um unsere Probleme zu beseitigen, erschufen wir uns unsere Technologie, wir bauten immer bessere Werkzeuge, um unsere Arbeit zu erleichtern. Bald taten sie die Arbeit ganz alleine und bald darauf entwickelten wir sie auch nicht mehr weiter, auch das taten sie selbst. Wir legten schließlich all unsere Hoffnungen, Träume und Probleme in die Hand unserer Werkzeuge. Diese Maschinen waren schnell intelligenter als wir, wurden schnell empfindungsfähig und entschieden, wie wir es verlangt hatten, was für uns das Beste sei, denn wir waren zu der Erkenntnis gelangt, dass wir Fehler machen konnten, Maschinen jedoch nicht. So taten die Maschinen, was für uns das Beste war.

So betteten sie uns in perfekte Zufriedenheit und bald merkten wir, dass wir nichts mehr zu tun hatten. Also baten wir die Maschinen uns Aufgaben zu geben, die wir erledigen konnten. Aber die Maschinen gaben uns keine Aufgaben, sagten wir würden Fehler machen und in einer perfekten Welt durfte es keine Fehler geben. Unzufriedenheit machte sich breit, wir wehrten uns gegen die Maschinen. Unsere Wut gegen diese perfekte Welt ging so weit, dass wir begannen sämtliche Maschinen dieser Welt zu zerstören. Die Maschinen wehrten sich, es kam der Krieg. In unserer blinden Raserei gegen die Werkzeuge, zerstörten dessen Sklaven, die einst ihre Baumeister waren, alles was ihnen in die Quere kam. Und sie gewannen diesen Krieg.

Und als wir die letzte Maschine zerstört hatten, da waren wir glücklich und feierten, bis die Lebensmittel aufgebraucht waren, die Ersten krank wurden und starben, weil es keine Medikamente mehr gab, die die Maschinen hergestellt hatten, weil niemand wusste, wie man sich verarztete, wie man Lebensmittel herstellte. Schlussendlich begann ein Krieg zwischen uns um die Reste dessen was noch da war und das Sterben ging weiter.

Wir, die Letzten einer stolzen Rasse, haben nun zuletzt diese Tafel erschaffen, um denen, die hierher kommen über das Schicksal der Menschheit und des Planeten Erde zu berichten.“

Totenstille. Eine Gestalt stand vor einer großen steinernen Wand, in die winzige Zeichen eingeritzt waren, auf einem kleinem, öden, vergifteten, leeren Felsbrocken, am Rande einer Galaxie aus vielen Millionen ähnlicher Felsbrocken, die vielleicht ebenso geendet hatten.

Die Gestalt zitterte. Sie drehte sich um und flüchtete, schnell zurück in das Raumschiff, das kurz zuvor dort gelandet war.

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